Selbstfürsorge – Was unsere „inneren Kinder“ in Beziehungen brauchen

 

Was haben unsere „inneren Kinder“ und Selbstfürsorge mit gelingenden Beziehungen zu tun? Das ist eine Frage, die mich immer wieder sehr berührt und um die sich auch eine meiner letzten Coaching-Sessions mit einer Klientin drehte. Sie beschrieb mir in der Beziehung zu ihrem Partner ein Gefühl des Unwohlseins, das sie in folgende Worte fasste:„So kann es nicht weitergehen – das ist gar nicht mehr der Mann, in den ich mich verliebt habe.“ Sie konnte dieses Gefühl und seine Ursachen zunächst aber gar nicht weiter benennen und beschrieb mir eine banale Situation, in der sie sich unzulänglich und wütend gefühlt hatte.

Was steckte dahinter?

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Es ist meistens eine alltägliche Situation oder eine Bemerkung nebenbei, die uns aus der Fassung bringt. Die Reaktion scheint dem, was im Hier und Jetzt geschieht, nicht angemessen. Etwas in uns wird berührt, das tiefer liegt. Das kann z.B. eine Verletzung aus der Vergangenheit sein. Vielleicht erinnert uns eine Verhaltensweise unbewusst an unsere Mutter oder jemand benutzt die gleichen Worte wie damals unser Vater, von denen wir uns zutiefst zurückgewiesen gefühlt haben. Also werden wir angetriggert. Wir sind außerdem die Verlängerung unserer Ahnen, die unsere Wurzeln bilden. Vieles von dem, was heute in uns in Bewegung ist, sind Überbleibsel aus unserer und ihrer Geschichte. Sichtbar wird es in unseren Beziehungen, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen.

Heilung findet aber nicht in der Vergangenheit statt. Wir müssen uns dem zuwenden, was sich in der Gegenwart in unserem Innern zeigt. Denn unser Körper zeigt uns die Themen, die JETZT von uns gesehen werden wollen, immer wieder sehr genau. Wir müssen nur wieder lernen, ihm zuzuhören und den Mut haben, unsere innere Bewegungen bewusst wahrzunehmen.

Wenn wir uns streiten, ist ein Bedürfnis von mindestens einem von uns nicht erfüllt.

Der andere berührt etwas Ungeheiltes in Dir, um das Du Dich bis jetzt nicht bewusst gekümmert hast. Wenn Du also Deinem Partner die Schuld dafür gibst und das, was Du bei ihm nicht gefunden hast, beim nächsten suchst, sei Dir sicher, dass das gleiche Thema Dich auch hier wieder begleiten wird. Vielleicht nur in einer anderen Form. Eigentlich ist das, was da ans Licht kommt, ein Geschenk Deines Partners an Dich: Eine Einladung, Dich nach innen zu wenden und Dich um Deine emporsteigenden Gefühle zu kümmern.

Du kannst dir diese Gefühle von Verletztsein, Wut, Ohnmacht und Trauer wie innere verletzte Kinder vorstellen. Den größten Teil Deiner Zeit sind sie im Keller eingesperrt: Deinem Unterbewusstsein. Bislang gab es im Außen keinen Platz für sie, an dem sie sich offen zeigen durften. Meistens hat man Dir in der Kindheit beigebracht, dass diese Regungen nicht erwünscht sind. Deswegen sind sie aber nicht weg. Wenn etwas Dich in der Gegenwart triggert, strömen diese Anteile nach oben und übernehmen Dein Verhalten. Du reagierst nur noch und wirfst dem anderen Sachen an den Kopf, die Du später bereust. Ihr streitet euch, oder vielmehr: die vergessenen inneren Kinder in euch streiten sich.

Darin liegt auch eine Chance: Auseinandersetzungen sind voller Bewegung und Energie – sie enthalten das Potential zur Veränderung. Nun gilt es, sich dieser unbewussten Reaktionsweisen bewusst zu werden.

Hier liegt der erste Stolperstein. In der spirituellen Szene ist es weit verbreitet, sich in die Position des Beobachters zu begeben und die inneren Regungen von dort nur noch zu betrachten. Achtsamkeit wird hier falsch verstanden: Sie schafft eine künstliche Distanz zwischen Dir und Deinem inneren Kind, um die Gefühle wegzumachen und nicht mehr fühlen zu müssen. Das wird dieses Kind sofort spüren und noch wütender werden. Denn eine gleichmütige Fassade und Abgetrenntheit sind das Schlimmste, was Du einem Kind antun kannst. Ein Kind, das hingefallen ist und sich das Knie aufgeschlagen hat, braucht auch nicht Deine Analysen und klugen Belehrungen darüber, dass es eben besser aufpassen müsse. Es braucht eine Umarmung. Es braucht Deine Zuwendung. Dein Dasein. Es braucht einen Platz, an dem es gesehen und gehört wird.

Aus meiner Sicht ist ein absolut radikales Ja zu unseren sogenannten negativen Gefühlen der einzige Weg zur Transformation – dieses beinhaltet ein tiefes Vertrauen, das aus dem Inneren kommt: Alles ist genau so, wie es gerade ist, richtig. Du kannst nur an dem Punkt, an dem Du Dich gerade befindest, losgehen und zwar mit allem, was Dich ausmacht. Wenn du etwas von Dir abspaltest, weil Du es für schlecht oder nicht richtig hältst, wird das auf Dauer nicht funktionieren. Unsere Schatten holen uns irgendwann wieder ein – egal, ob Du sie mit spiritueller Abgehobenheit verdrängen willst oder indem Du sie durch eine Sucht betäubst. Und in der Zwischenzeit sind sie meistens sogar gewachsen und größer geworden. Auch andere Maschen und Manipulationen klappen nicht, weil Du sie mit dem Ziel anwendest, das Kind ruhigstellen. Und das Kind in Dir spürt Deine inneren Absichten sehr genau, da kannst Du Dir sicher sein.

Es ist Deine Aufgabe, das innere verletzte Kind so anzunehmen, wie es ist. Ohne Hintergedanken. Wenn Du es nicht tust, erwartest Du unbewusst, dass dieses ungestillte Bedürfnis von Deinem Partner erfüllt wird. Dein Partner erwartet genau das Gleiche von Dir. So beginnen sich die inneren Kinder in Euch in die Haare zu kriegen, obwohl sie eigentlich nur Eines wollen: Sie wollen gesehen werden.

Dabei kann Dir eine Achtsamkeit helfen, die mit Offenheit und Neugier gewürzt ist. Denn das verletzte innere Kind ist zwar ein Teil von Dir – aber du bist noch viel mehr. Und dieses „viel mehr“ gilt es zu entdecken. Solange Du mit Deinem inneren Kind identifiziert bleibst – solange Du das, was es empfindet, immer wieder im Streit ausagierst – kannst Du nicht gleichzeitig für es da sein. Nur wenn Du die Bereitschaft entwickelst, das, was in Dir ist, wirklich zu fühlen und anzunehmen, kommst Du heraus aus der Identifikation: Du bist dann nicht länger mit dem inneren Kind verstrickt. Das funktioniert aber nicht über die Verbannung, weil das innere Kind dann in Situationen, die Dich triggern, noch wütender als zuvor zurückkommen wird. Eine Achtsamkeit, die Dir hilft die warmherzigen Eltern in Dir zu finden, die das Kind so annehmen wie es ist – mit aller Wut, mit aller Scham, mit allen Tränen – zeigt Dir, dass da noch viel mehr ist. Du hast so viele Möglichkeiten und Ausdrucksweisen, die Du bis jetzt noch gar nicht sehen kannst.

Wichtig ist: Du hast alle Zeit der Welt, Dich so lange um Dein Kind zu kümmern, wie es das braucht. Wenn Du es nur machst, damit Du schnell Dein Verhalten ändern kannst, ist das wieder eine Masche. Und die wird, wie gesagt, nicht funktionieren.

Diese Art, so mit Dir selbst und Deinen verletzlichen inneren Anteilen umzugehen, kannst Du trainieren: Am Anfang fühlt es sich vielleicht noch holprig und ungewohnt an, so für Dich selbst da zu sein und Dich mit allem in Dir ernst zu nehmen. Wenn Du jedoch länger praktizierst, wird Dir irgendwann bewusst, dass Du nicht mehr mit Deinem inneren Kind identifiziert bist: Du bist jetzt derjenige, der es willkommen heißt und in den Arm nimmt. Stück für Stück kannst Du dann wahrnehmen, dass sich zwischen Deiner Wahrnehmung und Deiner Reaktion, die zu einem Streit führt, ein kleiner Raum öffnet: Hier kannst Du eine bewusste Entscheidung treffen, wie und ob Du die Energie, die Dir in dem Gefühl bereitgestellt wird, nutzen willst. Wenn das Kind – oder auch Gefühl – im Inneren wahrgenommen, angenommen und gefühlt wird, braucht es keine Projektionsfläche im Außen mehr, auf die es geknallt wird.

Am Anfang ist es jedoch sehr schwer, in dem Moment, in dem du getriggert wirst, diese Lücke zu finden und Dich um Dein inneres Kind zu kümmern. Du reagierst nur noch. Deshalb ist es sehr hilfreich, wenn ihr Euch als Paar ein Ritual zu eigen macht, in dem die verletzten Anteile in Euch Raum bekommen. In unserer Online-Academy haben wir dazu ein wunderbares Tool entwickelt, das Du Dir kostenlos herunterladen kannst: Es heißt „Beziehungskommunikation“ und gibt Euch einen klaren Rahmen: Ihr habt jeweils immer wieder fünf Minuten Zeit, in denen ihr wechselseitig von Eurem inneren Erleben berichtet. So kann zum Beispiel das innere Kind zu Wort kommen, ohne dass es vom Gegenüber bewertet wird. Für meine Frau Lilian und mich war dieses Ritual am Anfang unserer Beziehung sehr wichtig, als wir an einem Punkt waren, an dem wir feststeckten. Es hat uns geholfen weiterzugehen. Wir haben uns wirklich eine Woche jeden Tag lang hingesetzt, und dieses Ritual angewandt. Nach dieser einen Woche hatten wir zum ersten Mal das Gefühl, einander wirklich zu sehen, ohne uns die sonst übliche Geschichte zu erzählen, wie der andere – durch unsere Brille gesehen – eben ist.

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In vielen Beziehungen können wir eigentlich nicht von einer Beziehung sprechen, weil sich die Beteiligten gar nicht richtig kennen. Sie wissen nicht, wer sie sind, weil sie sich nie die Zeit dafür genommen haben. Doch wenn Du Dir mehr Tiefe und Intimität in Deiner Beziehung wünschst, dann ist der Schlüssel dafür Deine eigene Offenheit und Verletzlichkeit. Wenn Du Dich Deinem Partner gegenüber verletzlich zeigst, gibst Du ihm gleichzeitig die Erlaubnis dasselbe zu tun. Aber es geht in erster Linie nicht darum, wie der andere reagiert. Es geht um Dich, es geht um Selbstfürsorge, um Deine Bedürfnisse und wie Du sie kommunizierst. Es geht auch um Deine Grenzen.

Wenn Du mit dieser Arbeit beginnen möchtest, gibt es eine weitere Falle, in die Du schnell tappen kannst: Du öffnest den Raum nur für Deinen Partner und schenkst ihm Deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Nicht, dass das an sich falsch wäre. Aber schnell hast Du daraus eine neue Masche gemacht: Indem Du das tust, weichst Du wieder der eigenen Begegnung mit Deinen verletzten inneren Kindern aus. Deswegen ist es auch bei Eurem täglichen Ritual wichtig, dass Du wirklich bei Dir und Deinem Empfinden bleibst.

Dich Deinem Partner so zu offenbaren, mit Deiner ganzen Verletzlichkeit und allem, was sich im Moment in Dir zeigt, ist ein Geschenk. Es ist das magische Geheimnis für Beziehungen. Der andere wird sich Deiner Offenheit und Ehrlichkeit kaum entziehen können, wenn Du ihm Dein Inneres offenbarst und dabei gleichzeitig die Verantwortung für Deine Bedürfnisse übernimmst. Denn wir sind auch dafür verantwortlich, dass wir dem anderen unser Inneres nicht so an den Kopf knallen, dass er sofort alle Schutzmauern hochzieht. Spüre einmal, ob Du einen Unterschied bei den folgenden beiden Aussagen wahrnimmst: „Ich wünsche mir einen Mann, der öfters bei mir ist“ und „Ich fühle mich oft einsam, was mich schmerzt. Dafür trägst Du keine Verantwortung. Ich möchte mich Dir damit einfach zeigen und Dir sagen, dass ich mir wünsche, mehr Zeit mit Dir zu verbringen.“

Im ersten Fall wird der angesprochene Mann sich angegriffen fühlen und das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein, so dass er glaubt, sich sich wehren zu müssen. Im zweiten Fall hat er die Möglichkeit sich von den Worten berühren zu lassen und Mitgefühl zu zeigen. Seine inneren Beschützer müssen nicht aktiv werden, weil der andere sein Bedürfnis so zeigen kann, dass er ganz bei sich und verantwortlich für sich selbst bleibt. Dieses magische Geheimnis – füreinander offen zu bleiben – muss erarbeitet werden. Wir alle wurden mehr oder weniger verletzt und haben gelernt, uns zu verschließen. Dabei helfen klare Regeln: Deshalb ist das alltägliche Ritual der Beziehungskommunikation, in dem jeder einen Raum zum Sprechen zu bekommt, ohne bewertet zu werden, extrem wertvoll. Darin könnt ihr Euch euren eigenen inneren Kindern zuwenden, ohne eine Story daraus zu machen und sie Euch gegenseitig vorstellen: Dieses einander Zeigen führt zu einem Gefühl tiefer Verbundenheit.

In gewisser Weise ist diese Art der Offenheit ein Beziehungsfilter: Wenn Dein Partner auch nach längerer Zeit nicht darauf eingeht, davon nichts wissen will und sich auch noch toll dabei findet, dann ist es Zeit das Thema Trennung ins Spiel zu bringen. Und zwar mit aller Konsequenz. Denn Dein Partner wird spüren, ob Du Dich selbst ernst nimmst mit all Deinen Bedürfnissen oder nicht. Vor allem Männer glauben oft, dass sie „ihre Frau im Sack haben“ – sich alles erlauben können. Wenn Du plötzlich anfängst, Deine Grenzen zu ziehen und klar zu kommunizieren, werden sie wach und merken, dass es hier um etwas geht.

Letztlich geht es um DEIN Leben, DEINE Werte und DEINE Würde. Das ist auch nicht egoistisch, nein, hier geht es um gute Selbstfürsorge. Genauso ist es, wenn im Flugzeug die Sauerstoffmasken herunterfallen: Erst musst Du gut für Dich sorgen, Dich nähren können und dann kannst Du auch etwas geben. Wenn Du das nicht tust, erwartest Du unbewusst, dass Dein Partner das für Dich tut und das wird auf Dauer Eure Beziehung kaputt machen.

Gute Selbstfürsorge dagegen macht sexy. Gute Selbstfürsorge bedeutet, dass Du Verantwortung für Dich selbst übernimmst und erwachsen wirst. Es ist wichtig, dass Du auch in einer Beziehung klare Grenzen für Dich ziehen kannst, um Dich wohlzufühlen. Sonst bist Du wie ein Bild ohne Rahmen. Dein Partner kann gar nicht wissen, wann er zu weit geht und Dir auf die Füße tritt, wenn Du es nicht kommunizierst. Dann bürdest Du ihm die Verantwortung auf Deine Grenzen zu erkennen, obwohl sie eigentlich nicht sichtbar sind. Das ist eine unmögliche Aufgabe.

Es geht darum, dass Du Dich wirklich wohl fühlen kannst in Deiner Beziehung. Ist das der Mensch, mit dem Du Dein Leben verbringen möchtest? Ist das der Mensch, mit dem Du Dich entspannen, einfach sein und Nähe und Intimität teilen kannst? Wegen dieser Fragen ist es so wichtig, dass Du im Hier und Jetzt klar mit Dir selbst bist: Was tut Dir gut und was nicht – wo sind Deine Grenzen? Du musst nicht unter Deiner Würde leben, die Dir Dein Inneres ganz klar zeigt, wenn Du den Mut hast, lange genug hinzuhören.

Wenn Dich das Thema dieses Vlogs berührt hat, freuen wir uns, wenn Du Deinen Freunden davon erzählst. Du bist auch herzlich eingeladen, unserer Online-Academy mit vielen wertvollen Tools für Dich beizutreten oder – wenn Du richtig tief einsteigen möchtest – an einem unserer Live-Seminare teilzunehmen.

Wir freuen uns auf Dich.

2018-06-30T11:48:29+00:00

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